Skip to content

Ethnologisches Institut

Im Gebäude mit den Säulen und dem großen hölzernen Portal befindet sich die „Ethnologische Sammlung“ der Universität Göttingen. Die Ethnologie ist die Wissenschaft, welche versucht, die Vielfalt menschlicher Lebenswelten zu erforschen. Dazu zählen beispielsweise kulturelle Praktiken wie Ess- und Kleidungsgewohnheiten, aber auch soziale Normen und Werte.

Diese Forschung hat eine lange Geschichte in Göttingen: Der bereits vorgestellte Medizinprofessor Johann Friedrich Blumenbach sorgte mit dafür, dass in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts viele Gegenstände aus der Südsee (die „Cook/Forster-Sammlung“) sowie aus der arktischen Polarregion (die „Baron von Asch-Sammlung“) nach Göttingen kamen. Dazu zählt beispielsweise das Federbildnis des hawai‘ischen Kriegsgottes Kuka’ilimoku oder auch der Hut eines Robbenjägers. Auch in den folgenden Jahren fanden immer wieder Objekte ihren Weg nach Göttingen, oft auch durch direkt ausgeübte wie auch indirekte strukturelle Gewalt.

Die inzwischen ca. 18.000 Objekte kamen über verschiedenste Forscher:innen, Student:innen und Schenkungen an die Universität. Auch wurden die Machtstrukturen des NS-Regimes zu Anschaffungen genutzt. Besonders der damalige Professor Hans Plischke, Direktor der Sammlung und Nationalsozialist, erweiterte die Sammlung, indem er die Kriegslage ausnutzte und zahllose Objekte aus z.B. Polen und Frankreich „erwarb“. Plischke arbeitete außerdem an Rassetheorien und setzte sich für den Erhalt und Ausbau deutscher Kolonien ein.

Etwa 450 Objekte der Sammlung sind in der Phase der formellen deutschen Kolonialherrschaft von 1884-1918 nach Göttingen gekommen. Hinzu kommen mehrere hundert weitere, die während dieser Zeit erworben wurden und später, zum Beispiel in Form von Schenkungen anderer Museen, in die Sammlung eingegangen sind. Außerdem gibt es eine große Menge an Objekten, zu denen Informationen fehlen, bei denen es aber sehr wahrscheinlich ist, dass auch sie aus dieser Zeit und aus deutschen Kolonialgebieten stammen.

Im Umgang mit den Objekten aus der Kolonialzeit ist es sehr wichtig Machtverhältnisse immer mitzudenken. Die Machtausübung der deutschen Kolonisatoren war durch die Anwendung von Gewalt und der Unterdrückung von Widerstand gekennzeichnet. Auch müssen koloniale Kontinuitäten mit in aktuelle Forschungen oder auch die Ausstellung von Objekten einbezogen werden. Diese wiederständigen Forderungen werden immer wieder laut und zeigen sich auch rund um das Gebäude:

Es gibt verschiedene Forschungsprojekte, die sich mit der genaueren Erfassung der Göttinger Objekte aus der deutschen Kolonialzeit beschäftigen. Empfehlen können wir den Twitteraccount der Studentischen Initiative zur Auseinandersetzung mit Provenienzen & Dekolonialisierungsprozessen: Koloniale Provenienzen in Göttingen

Links und Quellen:
Beate Hermann: Doppelt sensibel. Die Ethnographische Sammlung Łódz´ als Zeugnis polnischer und deutscher Zeitgeschichte
https://www.uni-goettingen.de/de/28899.html, https://sammlungen.uni-goettingen.de/sammlung/slg_1021/
https://www.goest.de/ethnologie.htm

en_USEnglish