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Konditorei Cron & Lanz

Bildquelle: Städtisches Museum Göttingen, um 1925

Alltägliche Nahrungsmittel als koloniale Kontinuität? Vom Kolonialismus in unserem Essen

Wir stehen nun vor Cron & Lanz, der wohl bekanntesten Konditorei Göttingens, welche 1876 erstmals die Ladentüre öffnete und seit 1912 hier an dieser Stelle ein Geschäft hat. Cron & Lanz fällt mit seiner Gründung in eine Zeit, in der Produkte wie Schokolade, Rohrzucker, Kaffee und Tee immer erschwinglicher wurden. Ursprünglich vor allem ab dem 17. Jahrhundert als Luxusware in Europa eingeführt, gehörten spätestens um 1900 die meisten dieser Waren zum Alltag fast jeder mitteleuropäischen Person. Die wohlhabenderen Menschen tranken ihren Kaffee etwa schwarz beim Kaffeekranz, für die Arbeiterschaft wurde eine verdünnte Tasse zur warmen Mahlzeit und Normalität.

Doch was haben diese Lebensmittel mit Kolonialismus zu tun? Welche Mechanismen haben es ermöglicht, dass sich Geschäfte wie Cron & Lanz mit ihren zucker- und kakaohaltigen Produkten als fester Bestandteil der Göttinger Bürger*innen etablieren konnten? Habt Ihr Ideen? Nehmt dazu gerne eine Sprachnotiz auf, wenn euch danach ist.

Viele der heutigen Nahrungsmittel und ihre Alltäglichkeit lassen sich nicht ohne eine Vielzahl von kolonialen Strukturen erklären, die zuweilen noch bis in die Gegenwart hineinwirken. Eine dieser Spuren ist, dass europäische Mächte im Rahmen ihrer Expansionsbestrebungen den Anbau von Pflanzen auf der ganzen Welt forcierten und die Pflanzenwelt verschiedener Weltteile aufwirbelten sowie dabei ganze Landstriche in Plantagen verwandelten. Die europäischen Mächte strebten danach, in ihren kolonialen Besitzungen die begehrten Rohstoffe kostengünstig anzubauen und scheuten hierbei keinen Samenklau und Schmuggel. Eindrückliche Beispiele dafür sind Kakao und Kaffee: Obwohl Kakao vom amerikanischen Kontinent kommt, wurde er in erster Linie in Westafrika angebaut. Kaffee von der arabischen Halbinsel wurde wiederum auf dem amerikanischen Kontinent eingeführt und dort angebaut. All das geschah im Regelfall nicht im Einvernehmen mit den beteiligten Menschen vor Ort, sondern war geprägt von der Gestaltung der Welt nach den Vorstellungen der europäischen Staaten.

Eine weitere koloniale Spur ist, dass viele der Rohstoffe arbeitsintensiv angebaut wurden und in den europäischen Kolonien dafür nicht selten sowohl die lokale Bevölkerung ausgebeutet wurde als auch versklavte Menschen und später Arbeitsmigrant:innen rangeschifft wurden. Bis heute ist diese Migration im Zuge von Versklavung und später Zwangsarbeit weltweit sichtbar, so dass ein großer Teil z.B. der Menschen in der Karibik und den USA westafrikanische Vorfahren hat. Dieses eurozentrische, also einseitig europäisch geprägte, Vorgehen veränderte die Welt ökologisch, ökonomisch, ethnisch und kulturell; oft mit schwerwiegenden und negativ nachhaltigen Folgen für die kolonisierten Gebiete und ihre Bewohner:innen.

Eindrückliche Grafiken über transatlantische Versklavung und den kolonialen Dreieckshandel gibt es beipislweise hier bei der Bundeszentrale für politische Bildung.

Erwähnenswert im Zusammenhang mit Versklavung und schwerer Plantagenarbeit zur Erzeugung der Kolonialwaren ist die in der Vergangenheit wenig beachtete Revolution auf der Insel Haiti. Auf den Plantagen Haitis waren tausende von Menschen, die vom afrikanischen Kontinent kamen, versklavt, um Zucker und Kaffee zu erschwinglichen Preisen dem europäischen Markt zur Verfügung zu stellen. Die Bevölkerung Haitis erreichte 1904 ihre Unabhängigkeit von Frankreich und erschuf damit den ersten Staat im modernen Sinne, der von Schwarzen Menschen geführt wurde und allen Menschen die gleichen Rechte zusprechen wollte. Mehr Infos dazu könnt ihr z.B. hier nachlesen: https://www.fluter.de/haitianische-revolution-postkoloniale-geschichte

Damit die in Kolonien erzeugten Waren dann den Weg in Städte wie Göttingen schafften und auch hier immer erschwinglicher wurden, hing neben den niedrigen Kosten der Produktion unter schlechten Arbeitsbedingungen auch mit einer Transportrevolution zusammen. Dampfschiff und Eisenbahn machten den Transport der Waren schneller, planbarer, kostengünstiger. So zählte Göttingen im Jahr 1900 50 sogenannte Kolonialwarenläden, die neben vielen anderen Produkten vor allem die weit gereisten Produkte wie Kaffee, Tee, Zucker, Kakao, Reis usw. an die Göttinger Bevölkerung verkauften. Nicht selten warben Kolonialwarenläden mit rassistischen Bildchen auf Verpackung oder im Markenlogo – sie zeigten oft Schwarze Menschen dienend und kindlich.

Kennt Ihr den Begriff Kolonialwarenladen noch? Was verbindet Ihr damit? Oder habt Ihr womöglich als Kind der Nachkriegszeit noch einen betreten? Oder aber ist Euch mal so eine rassistische Warenwerbung untergekommen?

Heute ist der Begriff Kolonialware zwar weitgehend aus unserem Sprachgebrauch verschwunden, dennoch konsumieren auch wir preisgünstig viele Produkte aus weit entfernten Erdteilen, deren Produktionsbedingungen heute meist unter dem schwer zu durchdringenden Geflecht internationaler Handelsbeziehungen verborgen bleiben. Über den Grad, inwieweit Waren wie Zucker, Kakao, Tee aber auch Kautschuk für Autoreifen und Baumwolle für die Textilindustrie an der Schaffung einer ungleichen Welt mitbeteiligt waren und auch heute noch dazu beitragen, lässt sich ausgiebig diskutieren. Doch dass sie ihren Anteil daran haben, lässt sich nicht bestreiten.

Was bedeutet das für die Schoko-Praline von Cron & Lanz, die wir unserer Oma zu Weihnachten schenken? Was ändert dieses Wissen an der morgendlichen Routine des Kaffeetrinkens? Was sind Eure Wünsche, was sich ändern sollte?

P.s.: Für was steht eigentlich der Name Edeka? Mehr dazu hier und auch hier:
EDEWA – Einkaufsgenossenschaft antirassistischen Widerstandes

Literatur

Kamenov, N. (2016) Globale Geld-und Warenströme. bpb
Link: https://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/postkolonialismus-und-globalgeschichte/231933/globale-geld-und-warenstroeme ; Zuletzt aufgerufen am: 16.8.21

Osterhammel, J. (2021). Warenökonomie und Mobilitätsfolklore. Zeitschrift für Ideengeschichte, 15(1), 5-13.

Wendt, R. (2021) Die Verzuckerung der Welt. Zeitschrift für Ideengeschichte, 15(1), 26-35.

Europa zwischen Kolonialismus und Dekolonisierung (2018). bpb. Link: https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/informationen-zur-politischen-bildung/280690/europa-zwischen-kolonialismus-und-dekolonisierung ; Zuletzt aufgerufen am 21.11.2021

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